Das Kunstgeheimnis des Meisters

   

Jean-Claude Lin (Hrsg.)

Sudoku - Einsame Hunde wunderbar schwer
Die schönsten Sudokus aus Japan, Band 4
160 Seiten,in Leinen gebunden
10 leichte, 20 mittlere und 70 schwere Sudokus

ISBN: 978-3-7725-2054-9

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In der «Vertilgung» des Stoffes durch die Form hat Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen das «eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters» erkannt. Der «Stoff», der Inhalt eines Gemäldes, eines Romans, eines Theaterstückes mache nicht die «Kunst» dieser Werke aus. Er wirke zudem nur auf einzelne Kräfte des Menschen und sogar einschränkend auf den Geist. Die «Form» dagegen wirke auf das Ganze des Menschen, seinen Geist erweiternd. Sie erst erhebe den Stoff, den Inhalt zum Kunstwerk.

Ein Sudoku kann man natürlich ohne jegliche Berücksichtigung der Ästhetik, als rein logisches Zahlenrätsel aufstellen. Als solches, rein nach logischen Gesichtspunkten aufgebautes Rätsel, das weder Wissen noch mathematisches Können verlangt, sondern nur Aufmerksamkeit, logisches Denken und etwas Geduld, führte dieses Zahlenrätsel unter verschiedenen Namen viele Jahre in Rätselmagazinen ein Schattendasein, bis einige Meisterkomponisten des japanischen Rätselverlags Nikoli sich seiner annahmen und aus dem «Stoff» des Rätsels eine Kunst machten.

Sie führten die Symmetrie bei der Anordnung der vorgegebenen Zahlen ein. Das ist für die reine Logik dieser Art von Rätseln gänzlich unerheblich. Aber damit zogen die japanischen Rätselexperten von Nikoli die Aufmerksamkeit von Tausenden und in der Folge Millionen von Menschen auf diese Rätsel, denen sie auch noch den so vielsprechenden Namen «Sudoku» verliehen.

Schauen Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser dieser Zeilen, beispielsweise das in diesem Band enthaltene schwere Rätsel 047 etwas genauer an .Sie werden sicher schnell die steigende Abfolge 1, 2, 3 im ersten 3 x 3 Quadrat bemerkt haben. Dann geht die Reihe absteigend im zweiten und fünften (mittleren) 3 x 3 Quadrat weiter: 4, 5, 6, 7 und 8. Die 9 hängt sich im achten (unteren mittleren) 3 x 3 Quadrat an. Es geht aber auch weiter! Zunächst mit 1 und 2 nach unten, und dann am rechten Rand bis zum dritten 3 x 3 Quadrat (rechts oben) mit 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9 im kürzeren Zick-Zack weiter. Aber damit nicht genug. Vom achten (unteren mittleren) 3 x 3 Quadrat geht es auch nach links wieder nach oben: mit der 1 oder 2 natürlich nicht, da die bereits vorhandenen eine Doppelung verbieten. Also mit der 3 beginnt der Aufstieg: 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9 im Zick-Zack nach oben bis zum Anschluss an die erste 1 (im ersten 3 x 3 Quadrat)! Hat der Komponist die Inspiration zu dieser bewegten Form einmal erhalten, bleiben ihm nur zwei Felder, die durch das Gebot der Symmetrie noch besetzt werden sollen und die zudem auch für die Lösbarkeit des Sudokus gefordert sind: die 6 neben der 9 im dritten 3 x 3 Quadrat (oben rechts) und die 8 in der ersten Zeile.

Zwei Zahlen von siebenundzwanzig durch die Form vorgegebenen Zahlen! – Und das gibt ein eindeutig lösbares Sudoku! Da jubelt das Sudoku-Herz. Und man muss sich diese japanischen Meisterkomponisten als heitere Menschen vorstellen. Sie geben dem «Stoff» des Rätsels die für das Ganze des Menschen wirksame und vollends befriedigende Form.

Mögen Sie, liebe Löserin und lieber Löser der in diesem Band enthaltenen 10 leichten, 20 mittleren und 70 schweren Sudokus der japanischen Koryphäen von Nikoli ebenso heiter wie befriedigt die Schönheit dieser Sudokus genießen. In ihnen zeigt sich wieder einmal das Kunstgeheimnis des Meisters.

Stuttgart, im Juni 2006 Jean-Claude Lin